Vom Abnehmen, und von Diätrezepten
Ich bin ein Mann kurz vor Fünfzig. Ich werde dick und dicker. Als ich mein Diplom erwarb, war ich 24 und wog 72 Kilo. Als ich Magister wurde, wog ich 86,5 kg. Als ich Doktor wurde, zeigte die Waage 94,2 kg. Daran sieht man, wie schwer Geist wiegt. Meine Frau wies mich vorsichtig darauf hin, dass ich einem Fehlschluss aufgesessen sei. So schwer wöge Geist nicht, jedenfalls nicht meiner.
Sie muss es wissen, sie ist Hobbytheologin und erklärt mir das Unerklärliche, wie nur die Christen das können. Wenn ich ehrlich zu mir bin und tief in mich hineinhorche, weiß ich, dass ich einfach zuviel esse. Ich liebe es zu essen, ich bin ein sinnlicher Mensch. Ich liebe die Farben und Aromen schöner Gemüse, guten Rumpsteaks und alten Whiskeys.
In meiner Männergruppe bin ich mal gefragt worden, was ich versucht hätte, um abzunehmen. Die Antwort ist kurz: Ich habe alles versucht: Frauen, gesunden Rotwein, Karriere. Mein Leben ist schwer: Ich wohne zusammen mit einem Kater, der fett und fetter wird. Der an nichts anderes denkt als ans Fressen, an Vögel und an Katzen. So jemanden neben sich zu haben ist schwer. Der Kater ist kein Vorbild, sondern eine optische Qual. Immerhin läßt er mich in Ruhe. Der Kater einer Freundin verprügelt jeden Herrenbesuch, den sie bekommt. Deshalb bekommt sie keinen mehr.
Abnehmen, aber wie?
Abnehmen, aber wie? Und weshalb überhaupt will man abnehmen? Die feministische Fachliteratur meint, der Mann wolle dicker werden, weil er nicht mehr wachsen könne. Es ist zu vermuten, dass die Feministinnen das auf den ganzen Mann beziehen, nicht nur auf sein Gehirn, welches ja auch in bestimmten Situationen ganz ungeahntes Wachstum zeigt, auch wenn es nie lange vorhält. Diese Fachliteratur spart allerdings die Frage aus, weshalb Frauen immer dicker werden.
Als ich noch jung war, hielt ich den Feminismus für eine kluge Weltsicht und Frauen für die besseren Menschen. Das hat sich mit den Jahren relativiert. Von entscheidendem Einfluss war meine kurze Beziehung mit einer richtigen Feministin, einer Gaby K. aus S., bei der ich immer die Wohnung verlassen musste, wenn sie ihre Freundinnen zum Sektfrühstück eingeladen hatte, weil es ihr peinlich war, nicht lesbisch zu sein.
Das war aber gut für meine Figur, weil ich wenig zum Frühstücken gekommen bin, denn die feministische Zirkelin traf sich ein paar Mal in jeder Woche, um, zunehmend alkoholisiert, eine neue Weltordnung zu entwerfen, in der für Männer kein Platz mehr war und in der die Frauen sich rein geistig vermehrten. Ihre Heilige war die superschlanke Valerie Solanas, die Gründerin der "Society for cutting up men." Die Zirkelin fand auch die Antwort auf die Frage, weshalb Frauen fett werden, war also weiter als die Fachliteratur. Frauen werden fett, weil sie sich nicht mehr zum Sexualobjekt für die Männer machen wollen. Deshalb wollen Frauen fett und fetter und immer fetter werden.
Ich persönlich hätte gar nichts dagegen, zum Sexualobjekt für die Frauen zu werden. Deshalb wäre ich gerne etwas schlanker. Heute lese ich keine feministische Fachliteratur mehr, sondern schreibe als Ghostwriter für diverse Panthertanten selbst welche. Das macht Spaß, man muss sich mit dem Stil und mit der Logik keinerlei Mühe geben und steht in der Tradition sokratischer Gespräche.
Wie aber werde ich ein schlankes Sexualobjekt? Diätrezepte sind einfach furchtbar. Da werden hässliche Menschen mit hässlicher Mode und dummen Diäten in das Privatfernsehen gezerrt oder drängen sich geradezu danach, ihre Geheimtipps in die Linse zu lispeln: "Und dann am Abend wenn ich brav war einen Negerkuss als Leckerli." Auch Prominente nehmen öffentlich ab: Lagerfeld sieht jetzt vor der Linse noch schlechter als Strzolka aus; und schwafelt in unzusammenhängenden Sätzen. Ein Vorbild? Widerwärtiger Exhibitionismus?
Heute früh, im Wartezimmer meines Orthopäden, sah ich im Fernsehen wieder so eine Erfolgsstory, bei der ich neidisch werden könnte. Eine angebliche Musikstudentin, die keinen einzigen richtigen Satz schreiben und auch nicht Klavier spielen wie man hören konnte, wollte gerne zum Sexualobjekt werden und deshalb dreißig Kilo abnehmen.
Das gelang ihr natürlich mühelos, indem sie nur eine kleine Tasse Maggi-Gemüsebrühe zum Abendbrot trank, und das kommentierte: "Ja und denn nich' ja das macht ja auch was aus nich' nurnekleine und nich so viel und nicht ne grosse Brühe und so ich mein ja nur und das macht echt was aus nich so in nemm Jahr." Sie hatte so recht. Wenn man ein ganzes Jahr lang eine kleine statt einer großen Tasse Gemüsebrühe trinkt, spart man 180 Kalorien. Das macht in 100 Jahren 180.000 Kalorien. Da man 8000 Kalorien einsparen muss, um ein Kilo abzunehmen, kann man in hundert Jahren 22,5 kg abnehmen, wenn man eine kleine statt einer großen Tasse Gemüsebrühe trinkt. Das klang klug und wahr.
Das einzige, was mich störte, war die Aussicht, dass ich nach dem Abnehmen von 30 Kilo so aussehen könnte wie Tina aus dem Fernsehen, und schlimmer, so spräche wie sie. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass sie in Wirklichkeit kein Kretin war sondern sich einfach das Sprachzentrum im Hirn herausgehungert hatte. Esoterische Ärzte meinen ja, dass man Tumore einfach durch Diät aushungern könne. Vielleicht geht das ja auch mit dem Sprachzentrum. In diesem Falle würde ich mir z.B. eine kräftige Zwangsdiät für Dieter Bohlen wünschen. Im Namen des Volkes und zu dessen Wohle.
Wie nimmt man ab? Eine Diätklinik ist mir zu teuer, obwohl die Autorin Barbara Hermann in ihrem lesenswerten Schlemmerführer geradezu von der Diätklinik schwärmt, in der ihr Mann um einige Kilo und einige Euro abgenommen hat. Als kleiner Beamter kann ich mir so etwas nicht leisten, mein Arbeitgeber hat gerade das Weihnachtsgeld halbiert und das Urlaubsgeld gestrichen. Zum Ausgleich wird der Arbeitsdruck immer größer. Das nennt sich in Deutschland Sozialstaat.
Ich nehme an, dass mein Arbeitgeber mit dieser Maßnahme seiner besonderen Fürsorgepflicht für Beamte nachkommen wollte: damit er mir nicht nur nimmt, gibt er mir mehr Arbeit. Das ist ein fairer Tausch: bislang hat er meine Arbeit genommen und mir Geld gegeben, jetzt nimmt er mein Geld und gibt mir dafür mehr Arbeit. Ich liebe dieses Land!
Da es sicher ist, dass mein Einkommen weiterhin sinken wird, gilt es, für die Zukunft vorzusorgen und sich daran zu gewöhnen, dass die Zeiten magerer werden.
Was spricht dagegen, mit Tütensuppen abzunehmen?
Nichts.
- Sie sind so billig, dass ich sie mir mit meinem Beamtengehalt leisten kann.
- Sie schmecken nicht so gut, dass man in Gefahr gerät, zuviel davon zu essen.
- Sie sind platzsparend, so dass man sie auch lagern kann, wenn man in eine kleinere Wohnung umziehen muss (vgl. Mehr Arbeit, weniger Geld, s.o.).
Diät-Tip Nummer 1:
Kaufen Sie sich Tütensuppen.