Nudeln und Suppen, Diät und Fettleibigkeit
Sonntag, 4. Juli 2004
Oh die Große Küche. Da wird recht viel darüber geschrieben, wieso man Nudeln al dente kochen soll. Dabei wird der Bevölkerung der Zahnersatz gestrichen, der notwendig wird, wenn die Nudeln zu sehr al dente gekocht wurden. Andererseits: Wieso wird in Deutschland dann gleich alles zu sehr zerkocht? Spaghetti nicht al dente sondern Brei? Und Tütensuppen zu dünn um mehr zu sparen? Das kann nicht gut gehen. Tütensuppen sind, zugegeben, sehr sehr teuer; Wasser ist noch teurer, seit reihenweise Stadtwerke meistbietend vertickt ("privatisiert") werden.
Doch, mein liebes Tagebuch, ich schreibe jetzt von Erfreulicherem. Es gibt bei uns in der Welt der Dicken immer wieder bizarre Erscheinungen. Am schönsten ist das Abnehmen in der Gruppe. Ich habe mich mit einigen Kolleginnen und Freundinnen zusammengetan. Als diäthaltender Mann bin ich der Hahn im Korb weil so selten. Allein Diät zu halten macht Männer interessant. Und man lernt interessante Frauen kennen. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, deren Wohnung ist völlig überfüllt mit Diät-Ratgebern. Da sie während des Lesens darin aber Dinge ißt, die in keinem Diätratgeber der Welt vorkommen, wird sie runder und runder. Ihre Garderobe hat sie auf T-Shirts umgestellt, auf denen zu lesen ist "Ich bin rund na und."
So wie andere Menschen ein Ankleidezimmer haben, hat sie ein Diät-Zimer. Es ist der größte Raum des Hauses. Mittlerweile ist es so weit, daß sie sich in ihrem Diätzimmer gar nicht mehr umdrehen kann. Wenn sie einen Ratgeber braucht, der hinter ihr steht, muß sie warten, bis jemand bei ihr zu Besuch ist, der schlank genug ist, ihr das Buch reichen zu können. Leider kommt immer weniger Besuch zu ihr, da der Platz in der Wohnung immer knapper wird.
Und ich habe eine Bekannte, die kann ihr Büro nur verlassen, um zur Kantine zu gehen, indem sie vor dem Durchschritt durch die Tür ausatmet, sich dann um die eigene Körperachse durch die Tür hindurchdreht und nach dem Durchschritt wieder einatmet. Dafür braucht sie allerdings so lange, daß sie immer kurz vor dem Ersticken ist. In der Hoffnung, sie zum Kauf meines neuen Diät-Ratgebers motivieren zu können, flüsterte ich ihr eines Tages während der Türrotation zu: "So kann das aber nicht bleiben. Tun Sie etwas dagegen, Fräulein Milbe."
[Schnauf] [Schnauf] [Schnauf]
Sie blieb schwer atmend stehen und strahlte über das ganze Gesicht. Auf diese Idee wäre die niemals gekommen. Ich sagte ihr, daß mein Feng-Shui Lehrer aus der Männergruppe gesagt habe, Veränderung fange in einem selbst an. Sie hat meinen Rat befolgt und etwas geändert. Sie läßt sich jetzt das Essen ins Büro bringen, und schläft auch dort. Freunde haben ihr einen Fernsehapparat gebracht und ihr Abonnement mit Diätzeitschriften bringt der Briefträger jetzt Dienstags immer ins Büro. Die beiden verbringen ihmmer mehr Zeit miteinander, und unterhalten sich über die Schlacken im Körper und die Farbe ihrer Fäzes.
Sie wird nur von lästigen Besuchern unterbrochen, die gerne wollen, daß sie ihrer Arbeit nachgeht. Das aber fällt ihr schwer, weil sie zwischen Diätratgebern und Lebensmitteln eingeklemmt ist. Sie hat Angst davor, daß die Russen kämen oder "die gelbe Gefahr" und hortet deshalb im Büro Lebensmittel. Und spricht man sie an, dann schnauft sie wie eine Museumsdampflokomotive und keucht Sätze heraus wie "der Herr [Schnauf] Professor [Schnauf] Kollath sagt, [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] es gibt [Schnauf] einen [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] Unterschied zwischen [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] [Schnauf] Nahrungsmitteln und [Schnauf] Lebensmitteln."
Die Formuladiät, die sie dosenweise in sich hineinschaufelt kannte der Herr Professor noch gar nicht. Was abnimmt, ist ihr Sparbuch, so teuer sind die Dosenpulver: "Wenn man sie trocken isst nimmt man mehr ab" sagt sie gerne und bei jedem Löffel. Man weiß, daß sie eine Mahlzeit einnimmt, wenn man sich dem Büro von draußen nähert und die Glastüre von Diätstaub bewölkt ist. Der Effekt ist sehr eindrucksvoll, wenn man das Büro betritt: man sieht zunächst nichts, ausser grauem Diätstaub und hört Fräulein Milbe schnaufen. Wenn sie wahnimmt, daß Besuch gekommen ist, hört sie mit dem Abnehmen sofort auf, und der Diätstaub senkt sich wie Trockeneisnebel auf einer Theaterbühne. So wird Fräulein Milbe von oben nach unten sichtbar.
Sie ist übrigens eine von denen, die die asiatischen Nudelsnacks trocken aus der Tüte fressen und dabei den ganzen Teppich vollkrümeln. Die Putzfrauen habe ihre liebe Not, um sie herum eine krümelfreie Teilzone im Büro herauszuarbeiten. Ich habe ihr geraten, auf Tütensuppen umzusteigen. Sie hat daraufhin ein Rezept entwickelt:
- 1 Packung Carat Nudelsuppe mit Gemüse (16 kcal pro Portion)
- 1 Packung Bratwürste darin auflösen (1800 kcal pro Packung)
- 1 halbe Flasche Olivenöl, extra nativ aus dem Bioladen (12000 kcal pro halber Flasche)
- 500 Gramm Creme Doublé zum verfeinern über die Suppe geben.
Fertig. Ab morgen nehme ich wieder alleine ab. Dabei hilft mir Frau W. vom Ordnungsamt. Wenn ich mit der telefoniere, bekomme ich nichts mehr hinunter... Die zeigt, wie die Umgangsformen im Ostblock sind. Wer hat die nur hierhergeholt?