Was man mit Tütensuppen und Kirchenchören machen kann

Montag, 19. April 2004

Heute war ich in der Kirche zum Beichten. Ich bin jemand, der viel zu beichten hat. Manchmal frage ich mich, woher ich die Zeit zum Sündigen nehme, soviel, wie ich im Beichtstuhl sitze. Nicht der Hund, sondern der Pastor ist der beste Freund des Menschen, jedenfalls meiner.

Er ist der einzige Mensch, der mich versteht. Er leidet mit mir mit. Wenn ich ihm von meiner Fresssucht beichte, nickt er wissend mit dem Kopf. Er versteht mich und ich verstehe, weshalb er mich versteht. Er ist so dick, daß er Mühe hat, in den Beichtstuhl hineinzukommen. Wenn ich von meinen erotischen Obsessionen beichte, schnauft er hörbar in der Dunkelheit seiner Kammer.

Nur was unsere Trinkgewohnheiten angeht, sind wir ein wenig unterschiedlich. Ich liebe guten Rotwein, er hat in der letzten Woche einen Flachmann aus seinem Auto an den Kopf eines Bicyclitisten geworfen, der jetzt die Herrlichkeit Gottes schaut. Die Rede Hochwürdens über die Schönheiten des Himmels und die Verwerflichkeit von Fahrerflucht auf der Beerdigung gingen ans Herz, und auch die anschließende Sammlung für die Temperenzler.

Da ich jeden Tag beichten gehe, hat sich eine gewisse Routine entwickelt. Bisweilen liest Hochwürden Zeitung oder löst Kreuzworträtsel während ich Sünde an Sünde reihe, manchmal verschwindet er für eine Viertelstunde mit einem kleinen Ministranten. Heute aber räusperte er sich, als ich mit der Aufzählung meiner Sünden fast fertig war.

Ich endete mit einer reuigen und ausführlichen Schilderung meiner Freude, des anderen Weibes zu begehren wie auch diese meiner begehrten, jetzt bis zur Stunde unseres Todes. Das Weib war mir von jeher gebenedeit und es gibt mir die Kraft und die Herrlichkeit, die mir sonst fehlte. Als ich nun für heute am Ende angekommen war, räusperte er sich nochmals und fragte, ob ich zu einem kleinen Handel bereit sei. Keine Frage: zwar hatte Jesus die Händler aus dem Tempel hinausgeworfen, aber sie waren zurückgekehrt und hatten den Glauben kommerzialisiert.

Ich vermutete, der Pastor wolle mich fragen, ob ich ihm ein paar Videos von meinen erotischen Erlebnissen drehen könne und zum Selbstkostenpreis anbieten; aber nein. Er fragte mich, was es koste, wenn ich den Kirchenchor zum Schweigen brächte. Das ständige Gekreisch ruiniere sein Nervenkostüm. Mein Einwand, ich sei Diätexperte, und der Chor sei zumindest an den Stimmbändern schlank wie kein anderer, zählte überhaupt nicht. Ich wies auf den hohen Unterhaltungswert hin: Musikstudenten aus Hannover kamen eigens angereist, um etwas zum Lachen zu haben; und seine Intrigen und Intoleranz erheiterten das ganze Dorf.

Sogar der NDR war einmal angereist, um den Chor aufzunehmen, wie er das mit jedem niedersächsischen Kirchenchor routiniert macht. Unser Chor war der einzige, wo der Rundfunk wieder abgefahren war, ohne ihn aufzunehmen. Die ambitionierten Projekte: die achte Sinfonie von Gustav Mahler mit einem Kastraten, einem "Sopran", 23 "Alten"* und Ur-Alten und einem schrägen Harmonium aufzuführen.

Mittlerweile singt der Chor fast nur noch Russisch. Der Pfarrer warf ein, das Herumkrakele bei den alljährlichen Osterfestspielen des Chors im Park erinnere ihn jedes Jahr an böse Zeiten der deutschen Geschichte. Ich fand, die bösen Zeiten der deutschen Geschichten hätten nie geendet, und wir hätten doch zum Ausgleich auch eine schöne phantasievolle Russenmafia hier, deren Leistungen zum Besten gehörten, was wir je gesehen hätten. Aber, warf der Pastor ein, an die Leistungen des Vatikans reiche die Russenmafia nicht heran. Das gab ich zu. Ich hatte schlicht nicht an den Vatikan gedacht.

Weshalb gibt es eigentlich keine Soljanka als Tütensuppe? Der Borschtsch von Maggi hat mit Borschtsch ja nichts zu tun ausser dem roten Farbstoff und ist in gar keinem Fall ein Ersatz für eine schöne Soljanka.

Der Pastor war mir immer ein treuer Freund gewesen und hatte zu jeder meiner Beichten freudevoll und interessiert mit dem Kopf genickt. Ich sah ein, es war an der Zeit, ihm auch einmal zu helfen. Ich entwickelte drei Konzepte als Alternativen:

  1. Eine schlichte Ermordung des Chores wäre zu grob. Eventuell könnte man ihn modifizieren. Wie wäre es, wenn man von einer Reihe Tütensuppen die Suppen wegwürfe und aus den Tüten Schalldämpfer bastelte, die man den Mitgliedern und Mitgliederinnen - die städtische Frauenbeauftragte besteht auf dieser Formulierung - über den Kopf stülpen könnte. Der Chor sähe dann aus wie vom Ku-Klux-Klan gesandt, aber das macht bei der Geschichte der Kirche nicht viel.
  2. Man könnte den Chor kunstvoll ermorden. Voller Stil, voller Raffinesse. Man könnte ihn zu Tode mästen. Da der Chor auch Musik zu singen versucht, die für Chor gar nicht gedacht war, könnte man ihn durch eine geschickte Repertoirewahl mit seinen fetten Bäuchen sprengen. Man könnten ihnen Geschmack an der Vorstellung eingeben, doch einmal Haydens Sinfonie mit dem Paukenschlag zu singen: Damm damm damm damm damm damm damm damm damm damm damm PENG! Aus wäre es mit dem Chor. Oder die Ouvertüre 1812. Da knallt es auch ganz kräftig.
  3. Man könnte den Chor kunstvoll verbessern. Beispielsweise eine große Menge Tütensuppen kaufen, den Inhalt der Tüten auf einen großen Tisch schütten, und sorgfältig die Geschmacksverstärker auslesen, auf ein eigenständiges Häufchen schütten, und kleine niedliche Hostien daraus pressen. Die wirft man dann nach und nach in die Chormitglieder ein wie in eine Jukebox in der Kneipe. Ergebnis: ein verstärkter Geschmack der SängerInnen, die künftig die h-moll Messe in Ruhe sanft schlummern lassen würden und sich ihrem eigentlichen Niveau widmen: "Wir singen tralala und machen hopsasa... Schöne Maid, hast Du heut für mich Zeit, gröliolieu".

Ich weiß noch nicht, für welche Variante ich mich entscheiden werde. Der Hunger ist so schneidend, daß ich nicht mehr klar denken kann. Ich werde eine Heiße Tasse Minestrone trinken und dann weitersehen.

89,9 Kilo

Anmerkung des Zensors: Der Verf. verwendet den Plural falsch. Der korrekte Plural lautet "Alts".