Von Reisen und davon, wie Creolen und Maggi zusammenhängen

Diät-Tip Nummer 2:

Suchen Sie sich schlanke schöne Menschen als Vorbild aus.

Hilfreicher, als den alten Rat zu befolgen, ein Bild aus den eigenen fettesten Tagen an den Kühlschrank zu kleben ist es, ihn zu meiden. Abgesehen davon wäre ein Bild aus meinen fettesten Tagen so groß, dass ich mir einen größeren Kühlschrank kaufen müsste.

Besser aber ist es, sich Bilder von Menschen an die Wand zu hängen, die alles das bieten, was man selbst nicht hat:Reichtum, Jugend, Schönheit, Schlankheit und ein schönes Bank-Konto. Man kann sich dann einreden, dass man durch den Verzehr einer Unmenge Tütensuppen all diese Eigenschaften erlangt. Als Diätunterstützung kann man sich eine Videocassette mit den gesammelten Tütensuppen-Reklamen der Privatsender zusammenstellen und rund um die Uhr laufen lassen. Soviele schön junge reiche Menschen mit glücklichen intakten Familien, Hunden, die auf dem Mittagstisch herumsabbern und alle freuen sich darüber. Nur die Kinder in diesen Reklamen sind absolut ekelhaft, altklug und die reinen Nervensägen.

Man kann sich aber auch schöne Menschen in Natur anschauen und denen dann nacheifern und anfangen, schlank und schön zu werden. Was für schöne Menschen gibt es nun auf der Welt? Zum Beispiel die Creolen. Vor allem verband ich mit dem Begriff kleine Silberdrahtringe, die an junge Mädchen verkauft werden und die sie sich in die Ohren bohren um hübsch auszusehen. Bei manchen gelingt das auch, vor allem bei meiner Tochter Charlotte. Und dann erzählte mir eine alte Freundin neulich, Creolen wären nicht nur Silberdrahtringe, sondern vor allem auch: Menschen. Also, die Silberdrahtringe gäbe es natürlich auch, und die und die Menschen: beide hießen Creolen.

Das war harter Tobak. Ich brauchte einen ganzen Abend in der Kneipe und eine kleine Flasche Absinth und eine flüchtige Damenbekanntschaft, um diese Erkenntnis verarbeiten zu können: Creolen und Creolen sind nicht das Selbe. Und die Wirklichkeit und die Wahrheit haben nicht viel miteinander zu tun (vgl. Buddhismus).

Nach einem kleinen Rausch, einigen erotischen Träumen und Lektüre begriff ich, dass manche dieser Creolen - die Menschen, nicht die Silberdrahtringe - mir ab und an sogar an der Universität gegen übergestanden haben. Creolen: das waren diese Wunder, die ich nicht verstand und die mir gegenüberstanden, wenn sie Masterstudiengänge studierten, die die Provinzialität der deutschen Hochschullandschaft überwinden helfen sollten und die am liebsten "Introduction to scientific writing" ausliehen und dazu in ihrer wundervollen und klangreichen Sprache Sätze murmelten wie "Brinkpromptlywissbukktomiehisttsyourjoubhörryappweit- mennayhavnoteimtogototoannutherlibrarytocatschmybooksälv".

Was für edle schöne Menschen. Jede Geste ein Auftritt, jedes Wort eine lyrische Schönheit. Die "Introduction" lasen sie alle, alle, weil sie "Die Besten der Besten" waren, wie der DAAD-Beauftragte einer Provinz-Uni immer wieder feststellte. Manche der Besten kamen das ganze Studium lang mit nur diesem einen Buch aus und schrieben als Masterthesis eine Zusammenfassung des Inhaltsverzeichnisses. Viele dieser Besten der Besten konnten Vorfahren vorweisen, die in Brasilien geboren waren, und waren stolz darauf, kein Wort Deutsch, kein Wort Englisch und kein Wort Spanisch sprechen zu können, sondern die sich auf karibisch-kreolisch, auf papiamento oder Vietnamfranzösisch spezialisiert haben.

Meine Möglichkeiten der Kommunikation mit ihnen waren also begrenzt, auch die meines wissenschaftlichen Mitarbeiters Erwin Stahlhut, der das schönste und reichste Englisch spricht. Und: doch wollte ich lernen, diese Menschen zu verstehen, die von so weit her gekommen waren, nur um ein Stipendium an der nicht allerbesten Universität Deutschlands zu nutzen, um unter uns zu sein, in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und ich fand wundervolle Menschen unter den Creolen. Menschen, die es verstanden zu leben und die es verstanden zu essen.

Maggi-Meisterklasse-Hühnercremesuppe Creóle mit Chili.

Und für diese Menschen hat Maggi, die Mutter aller Tütensuppenfirmen, ein unvergleichliches Produkt hervorgebracht, die "Maggi-Meisterklasse-Hühnercremesuppe Creóle mit Chili." Eine Suppe, deren Name 48 Buchstaben lang ist... So wie man seinen Lektürebedarf mit der "Introduction" vollständig stillen kann, kann man sich geistig ausschließlich von dieser Hühnercremesuppe mit Chili ernähren, wenn man ein deutscher Michel ist. Soviel Text steht auf der Tüte.

Der Deutsche Michel ist aber nicht so dumm, wie er international wahrgenommen wird. Er kann sogar Fragen stellen: warum ist das Benzin so teuer, wieso sind die deutschen Politiker so dumm und gewissenlos, und: Weshalb haben die von Maggi da Chili reingeworfen? Die Antwort ist leicht: Für den deutschen Michel erscheint alles interessant, was exotisch ist. Das ist seine Art von Rassismus. "Hühnersuppe" von Maggi - wer will sowas denn noch essen? Das klingt nach fünfziger Jahren, der geistlosesten Zeit der deutschen Geschichte, gleich nach der Gegenwart.

Ein Huhn hat jeder deutsche Macker als Frau zuhause. Aber: will er die schlachten? Will er die auskochen? Also, ich oute mich: wenn ich auf Diät bin, dann esse ich gerne Maggi-Hühnersuppe. Aber wahr bleibt: Man kann dem Deutschen ein paar abgelaufener Fußballsocken als exotisch verkaufen, wenn man Chili darüberschüttet und den dreifachen Preis nehmen. So ist er, der deutsche Suppenfresser. Hauptsache mit Chili und Hauptsache trotzdem nicht zu scharf. Das weiß auch Maggi. Deshalb hat sich Maggi den Creolen und ihrer himmlischen Küche angenommen.

Ach: wie liebe ich die schönen, freien wilden und klugen Creolen. Und ihr genussreiches Leben. Und ich liebe ihre Hühnersuppe. Ich fuhr in ihre Heimat um ihnen allen dreien nahe zu sein: den Hühnern, den Creolen und ihrer Kultur. Das hatte mir mein Therapeut empfohlen,um meine Existenzkrise in der westlichen Gesellschaft anlässlich meines vierzigsten Geburtstages zu bearbeiten.

Ich reiste also durch den Süden der USA; trank die Southeast-Kultur aus Whiskygläsern, die für Jerry Cotton zu groß gewesen wären, und ich aß Hühnersuppen in Alabama, Florida, Georgia, Louisiana; Mississippi; North Carolina; Tennessee; Arkansas. Ich verbrachte eine Reihe von Nächten auf abgehalftern Schiffen, nämlich eine Nacht auf der "Mississippi Queen", vier Nächte auf der "Delta Queen" und eine Nacht auf der "American Queen".

In New Orleans nahm ich an einem Voodoo-Zauber teil, bei dem es irgendwie um Hühnersuppe ging, die aus der geriebenen Hirnschale eines lieben Verstorbenen getrunken werden sollte, und ich hatte den Verdacht, dass es Bestandteil des Zaubers war, den Lieben erst hierzu versterben zu lassen. Hinter der St. Louis Cathedral bei Vollmond rührten wir ein Pulver zusammen, welches genau wie Hühnersuppe aussah, und den Esser binnen dreier weiterer Vollmonde töten würde.

Ich besuchte die Jackson Brewery im Warehouse District, die für ihre guten Hühnersuppen bekannt ist. Ich machte eine Bootstour durch die Sümpfe des Bayou Segnette, wo die besten Créole-Hühner der Welt leben, erforschte die Küche des Schlachtschiffs "USS Alabama", kreiste durch Bellingrath Gardens, Dauphine Island, Fort Morgan und flog dann nach Mobile, - eine an sich ganz scheußliche Stadt, die lediglich durch Walker Percy in der amerikanischen Literatur überhaupt Erwähnung fand, weil in einem seiner Romane mal eine Lockheed Super Constellation über Mobile anflog... im Sonnenuntergang.

Auch dort war die Suppenkultur der Creolen noch sehr lebendig. Es gab jede Menge Sehenswertes im Stadtbereich, so die First African Baptist Church, deren Christusfigur vage an ein Huhn erinnerte, die River Street, das River Street Train Museum, das Ships of the Sea Museum und natürlich vor allem das Cotton Exchange Building, weil nämlich nach neuesten japanischen Patenten die kleinen Pulver in den Tütensuppen vor allem aus Baumwollresten gefertigt werden.

Noch drei Wochen reiste ich durch den Süden, heiß und eng im Greyhound Bus eingezwängt: warum wurden solche engen heißen Mistteile eigentlich zum Mythos für den American Way of Life? Was qualifziert ausgerechnet mich dafür, morgens um 01:10 vom einem Greyhound-Fahrer vor dem Fort Pulaski National Monument aus dem Bus geworfen zu werden, nur weil der Fahrer dort eine Nutte hinter dem Obelisken, der die amerikanische Freiheit symbolisiert, poppen will anstatt weiterzufahren. So aß ich eine creolische Hühnersuppe an einem der vielen Hühnersupenstände um das Monument und fühlte den Blues, wie ihn nur die Creolen singen können. Und trank dazu kühles amerikanisches Bier.

So verbrachte ich also Wochen unter den letzten Créolen, studierte ihre Kultur und aß ihre Hühnersuppe. Sie ist heiß, sie ist fettig, sie ist so scharf, dass einem der Atem wegbleibt, und man isst sie am allerbesten nachts nach ein Uhr am Fort Pulaski National Monument. Man kann sie auch anstatt der Zigarette danach schlürfen, wenn man in New Orleans versackt ist.

Nach der Rückkehr ließ ich im Kölner Dom eine Messe für die Firma Maggi lesen, die diese Suppe so köstlich nachempfunden hat, dass man sich wie ein König der Créolen fühlt, falls die Könige haben sollten. Ich kaufte mir eine Hühnercrémesuppe auf Créolenart, legte eine Platte von Neil Diamond auf und warf den Herd an, um meine Amerikareise noch einmal vor dem geistigen Auge passieren zu lassen. Alles war da, wenn ich die Augen schloss, nur eine Damenbekanntschaft aus Storyville fehlte. Naja, man kann nicht alles haben, aber ich hatte wenigstens Hühnersuppe, Maggis Beitrag zur creolischen Küche: Hühner-Cremesuppe "Creóle".

Mittwoch, 28. Januar 2004

92,4 Kilogramm

Heute ist der erste Diät-Tag, der Beginn eines neuen Lebens. Die Katze sitzt fett und immer noch ein bißchen fetter geworden vor ihrem Fressnapf. Ich verachte soviel vertierte Fresshaftigkeit. Ich bin ein Mensch, ein Wesen mit freiem Willen. Was fange ich damit an? Ich koche eine Tütensuppe.

Wasser in den Topf, Tüte aufgerissen... hatte ich Hühnersuppe? Vor mir verkrümelte sich ein unscheinbares Pulver in die letzte Ecke (die Tüte hatte vier). Ich habe den Verdacht, dass die Anführungszeichen beim Suppentitel einen letzten Rest von Ehrlichkeit der Tütensuppenproduzenten signalisierten. Ich habe noch nie einen Créolen Hühnersuppe aus einer Maggi-Tüte rieseln lassen sehen.

Beim Einrühren in das lauwarme Wasser bilden sich niedliche Klümpchen, die interessant riechen. Das muss das "kreolische Flair" sein, von dem auf der Tüte steht, es stecke drin. Es soll übrigens Kulturstaaten geben, die für Werbetexter die Todesstrafe vorsehen. Das Voodoo-, äh- creolische Flair besteht vor allem aus einem klitzekleinen bißchen Chili, dessen böse Schärfe durch ein Aroma von Hausstaub gemildert wird. Die Suppe klumpt immer noch, was daran liegen muss, dass ich keine original creolische Feuerstatt benutze, sondern einen Elektroherd von Quelle, der lausig unregelmäßig heizt. Die Suppe kocht rasch über, meine Diät wird erleichtert, weil nur noch ein Teller im Topf verbleibt. Der Rest verteilt sich auf dem Herd, ein feiner Duft von Inosinat, Mononatriumglutamat , E 307 und E 304 durchzieht das Haus.

Meine Töchter kommen voller Angst herbeigerannt. Ich beruhige sie und erkläre, so rieche es nun einmal bei den Créolen, wenn die was richtig Leckeres kochen. Den Ratschlag von Maggi, eine Banane zu schälen und in die Suppe zu werfen und mit Kokosraspeln zu veredeln habe ich nicht befolgt. Eine Banane zu schälen grenzt an richtiges Kochen, und ich hoffe auf den Tag, an dem Maggi "Bananen-Fix créolisch" auf den Markt bringt, was man nur noch durch eine echte Banane ergänzen muss und eine Tüte créolische Hühnersuppe.

Maggi fragt auf der Tüte, ob man wisse, dass Bananen Vitamin B6 enthielten. Die Suppe enthält zwar keinerlei Vitamine, aber immerhin Hühnerfett und "Fleisch" mit 7.7% Gewichtsanteil. Sie schmeckt nicht schlecht, sondern nur ein bißchen trostlos und hat auch nur 186 kcal pro Tellerchen. Mehr ist mir ja auch nicht geblieben...

Beim Erkalten bekommt die Suppe eine sonderbare, schmierig-krümelige Konsistenz und einen Hauch von Vanille-Aroma, das wahrscheinlich einem Maggi-Geheimversuch für eine Kombi-Entwicklung zu verdanken ist. So wie es jetzt "Kochbücher" gibt, die allen ernstes schreiben, man könne Knorr Fix für Schweinemedaillons auch über Koteletts schütten, so gibt es wahrscheinlich bald eine créolische Weihnachtssuppe von Maggi, die bis auf das bunte Bildchen auf dem Umschlag völlig identisch mit der Hühnersuppe ist.

Das schöne an diesen Suppen ist ja, dass man nicht die geringste Ahnung hat, welchen Geschmack sie einem suggerieren wollen, wenn man nicht die Tüte hat, die es einem sagt. Wartet ab: Weihnachten 2004 kommt sie, die créolische Weihnachtssuppe à la Vanille: mit einem echten Creolen vom Künstlerdienst des Arbeitsamtes auf der Vorderseite, in ein Weihnachtsmannkostüm gehüllt. Limited edition, und zum doppelten Preis!