Was Tütensuppen mit Pflegewissenschaft zu tun haben und was mit dem Boomerang los ist
Samstag, 3. Juli 2004
Ach, mein geheimes Tagebuch, ich habe Dich seit Wochen vernachlässigt. Ich esse zur Zeit Tüte um Tüte und Suppe um Suppe... und nehme kein Gramm ab.
Es gibt Tage, die sind einfach zum Verzweifeln. An solchen Tagen findet man nur Fragen und keine Antworten im Kaffeesatz. Heute zum Beispiel habe ich festgestellt, daß der Begriff "Tütensuppe" gar nicht im Lexikon steht. Und es steht auch nicht drin, ob die Suzie Q, von der Creedence Clearwater Revival singen, die Schwester von Barbie Q, der häßlichen Plastikpuppe ist, die immer so widerlich schmeckt und stinkt, wenn man sie grillt. Und es steht auch nicht drin, weshalb die Leute immer das Gewicht ihrer häßlichen Babies auf die Geburtsbenachrichtungs- und Prahlkarten schreiben müssen: ist es das Lebend- oder das Schlachtgewicht der kleinen Quäker? Oder das Gewicht einer verzehrfertigen Portion?
Und mir ist aufgefallen, daß die Verwissenschaftlichung der Tütensuppenfrage noch ein Desiderat unserer Gesellschaft ist. Es gibt für alle Fächer Wissenschaften: eine Bibliothekswissenschaft, die so notwendig ist wie eine Einwohnermeldeamtswissenschaft, und seit neuestem sogar eine Pflegewissenschaft. Der berühmte deutsche Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Dr. h.c. Neander aus Göttingen hat sich kürzlich als Betrüger entlarvt: er war in Wirklichkeit nur ein kleiner Krankenpfleger, galt aber als fachliche Kapazität. Daraus läßt sich lernen, daß jeder Tütensuppenesser die Qualifikation für eine Professur für Tütensuppologie hat; wenigstens an einer Fachhochschule oder Berufsakademie oder Volkshochschule. Brain up! Frau Sprachpanscherin Bulmahn und schnell die Professur geschaffen.
Solche Tage voller bitterer Wahrheit sind nur zu retten, indem man Zwiebelsuppe isst: die fördert den Flatus, der den Körper wieder rein werden läßt von diesen Geistesqualen. Besser als die ganzen bekannten Markensuppen schmeckt "Fleischer" Zwiebelsuppe. "Fleischer exquisit" genauer. Die Suppe heißt so, obwohl nicht das kleinste bißchen Fleisch in ihr zu finden ist, sondern nur Aroma mit Sellerie, Salz, drei verschiedene Geschmacksverstärker und ein bißchen Fleischextrakt für den, der es glaubt. Kochzeit zehn Minuten, schmeckt lecker. Und das Beste: auf der Tüte ist nur eine angenehm aussehende Zwiebelsuppe abgebildet und kein brutal aussehender, stiernackiger und rotgesichtiger Fleischer, dem man ansieht, daß er am liebsten im Dritten Reich Henker gewesen wäre, es dafür aber nicht gereicht hat.
Andere Tage sind genial. Zum Beispiel solche, an denen man feststellt, daß ein EU-Cup im Fußball verdammt viel mit Tütensuppen gemeinsam hat. Auf einer Tütensuppe stehen lauter Nummern, von denen niemand weiß, was sie bedeuten sollen (Farb-, Geschmacks- und andere toffe Stoffe). Auf einem Fußballer stehen auch Nummern, fett auf den Arsch gemalt oder den Rücken oder den Kopf. Und bei dem weiß auch niemand, was er für sein Nummerngeld bekommt. Fußballer haben lustige Namen: Rehhagel, Schmälzkogl, Schupfplofl und so weiter, in der Art. Das ist wie mit den Tütensuppen: die heißen Maggi, Knorri und so - so heißt ja auch kein Mensch.
Der heutige Tag war so, daß ich ihn gerne aus den Annalen meines Lebens streichen würde: Meine Nachbarin fand ihre Lebensorientierung in einer Soap im Privatfernsehen; und ich litt, weil das TV nur vollständige Idioten brachte, die Songs von Genies ruinierten: Costa Cordalis "sang" Suspicious minds von Presley, und Kretin Küblböck jammerte "Heartbreak Hotel". Schlicht zum Kotzen. Und eine Wiederholung von vor ein paar Tagen. Die Privatsender sind ja bekanntlich für mehr Vielfalt und wiederholen deshalb die größtmögliche Einfalt so oft wie möglich. Ein Idiot reimte heute im Werbefernsehen "Hämorrhoiden" auf "Frieden". Das hatten wir auch schon gehabt... sogar das wird wiederholt.
Und es gibt Tage, an denen geht wirklich alles schief: ich hatte bei ebay einen Bootleg von Leonard Cohen ersteigert, auf den ich seit Jahren gewartet hatte. Eine Legende, niemand wußte, ob er wirklich existierte, dieser Bootleg. Und ich bekam den Zuschlag. Heute kam die Post: im Umschlag war "The final album" von Modern Talking. Eine schlichte Verwechslung, wie der Anbieter zugab. Der Cohen war irgendwo verschollen... Und in einer solchen Welt soll Gott existieren? (vgl. André Frossard). Und bei ebay gibt es nie, nie, nie Tütensuppen zu ersteigern.
Schokolade zum Frühstück? Oder doch lieber Torte in der Bahn?
Zwischendurch ein Rezeptvorschlag: Zum Frühstück eine leichte Blaubeer-Buttermilch Torte mit Raps-Öl ("Vielseitig und gut" steht auf der Flasche). Im Öl lösen Sie einen Pflaumenkern auf, füllen 1 Packung Vanilienzucker hinzu, 25 Gramm geraspelte Schokolade und einen Liter Riesling. Das alles schlagen Sie schaumig und gießen es über die Torte. Sie werden bis zum Abend 40 Gramm abgenommen haben, wenn Sie tagsüber nichts anderes essen. Diese Verfeinerung stammt übrigens von dem Erfinder der Kuchen-Diät, einem sogenannten Herrn Martin, von dem ich weiter nichts weiß, als wie er mit Vornamen heißt, und der immer zu Besuch kommt, wenn meine Frau alleine zu Hause ist. Ich vermute, es ist platonisches Diät-Interesse, weshalb die beiden zusammen kommen, aber ein bißchen kränkt es mich, daß sie nicht mich befragt, wenn es um Diätfragen geht. Der Herr Martin sieht so dünn aus, daß kann nicht gesund sein.
Ein guter Weg, abzunehmen ist, mit der Deutschen Bahn zu fahren. Zum einen sind ihre Preise so unverschämt, daß man sich bei jeder Fahrt entscheiden muß: möchte ich heute etwas essen oder möchte ich ein Stückchen mit der Bahn fahren? Ich zum Beispiel wohne in Alfeld, der Schneewittchenstadt im Leinebergland, wo die Sieben Zwerge das Schneewittchen liebten (alle zugleich) und pendle nach Hannover, wo ich mein Gehalt verdiene, damit es mir vom Staat sofort wieder gestohlen werden kann. Wenn ich zwischen diesen beiden Städten mit der Deutschen Bahn fahre, habe ich die Wahl:
- ich könnte mir für den Preis dieser Fahrt von 50 km entweder ein sehr ordentliches Essen im Restaurant leisten, oder mit dem Auto bis Hamburg fahren.
- Oder ich kann auf beides verzichten und mit dem Zug von Hannover bis Alfeld fahren, die ganze Zeit stehen und zusehen, wie widerliches Personal die Kunden anpampt.
Darüber kann sich so ärgern, daß man prima abnimmt. Man muß mit der Bahn aber gar nicht fahren, um abzunehmen. Manchmal kann man mit ihr gar nicht fahren, aber Mitnehmereffekte für die Diät ausnutzen. Heute, als ich wieder nach Alfeld fuhr, hatten ALLE Züge, die durch Hannover fuhren, Verspätungen zwischen 45 Minuten und Unbestimmt. Man kann sich zu solchen Gelegenheiten unauffällig auf den Bahnsteig stellen, unter die Wartenden Teuerzahler mischen und einfach in der Zugluft mitfrieren. Das kostet nichts, und dadurch, daß man auf den Bahnhöfen der Deutschen Bahn völlig unterkühlt erhöht sich der Grundumsatz.
Ergo: man verbraucht mehr Energie und nimmt ab, wenn man lange wartet.
Und lange warten muß man bei der Bahn oft. Ich vertraue diesen Tipp nur Dir, meinem geheimen Diät-Tagebuch an, denn wenn die Bahn selbst diesen Trick mitbekommt, dann wird sie eine Service-Gebühr erheben, gestaffelt natürlich: vielleicht in Höhe von 5 Euro für die Benutzung ihrer Fahrkartenautomaten, von 10 Euro für die Erteilung einer falschen Fahrplanauskunft und von 20 Euro für das Abnehmen durch Grundumsatzerhöhung auf ihren Bahnsteigen durch Grenzerfahrungen (vgl. Kältetod). Ich habe gestern ein Gruppe Reisender zur Ordnung rufen müssen, die über ein Attentat an Mehdorn nachdachten und sich dabei auf die Tradition des Tyrannenmordes beriefen. Irgendwo sind Grenzen. Mehdorn ist kein Tyrann, sondern ein Geschäftsmann, der seine dummen Milchkühe melkt. Die dummen Milchkühe: das sind wir.
Man kann die Bahn auch durch aktive Benutzung zum Diäthelfer machen: man fährt einfach mit ihr und verpaßt dank der Verspätungen die familiären Hauptmahlzeiten. Mein persönlicher Rekord lag im Jahr 2001, als ich in einem einzigen Arbeitsjahr komplette drei Wochen Urlaub durch Wartezeiten auf DB-Bahnhöfen verloren habe. Man muß allerdings der Versuchung widerstehen, in den Mitropa-Gaststätten - gehören auch der Bahn - Ausgleich für die entgangene häusliche Atzung zu erwerben. Für den Gegenwert einer Einfachfahrkarte Alfeld-Hannover und einem Sandwich und einem Kaffee bei der Mitropa kann ich mit dem Auto mühelos bis Frankfurt am Main fahren.
Fahre ich mit dem Auto, muß ich allerdings auf den Komfort der Bahn verzichten:
- brüllende Babies, die von ihren alleinerziehenden Müttern mißhandelt werden;
- alkoholisierte Schaffner, die die Fahrgäste beschimpfen;
- in ihr Handy brüllende Russen in der handyfreien Zone des Zuges und
- die Nostalgie, in Fahrzeugen reisen zu dürfen, die schon 1960 im Märklin-Katalog als Oldtimer angeboten wurden.
A propos Russen: ich frage mich, wieso die in ihre Handies so hineinbrüllen. Eigentlich brauchten sie gar keine, man würde sie in Wladiwostok auch ohne Handy verstehen, so wie sie brüllen. Ich nehme an, die Brüllerei ist nur Tarnung und die Handies sind gar nicht eingeschaltet, weil das Sozialamt nur 200 Euro Telefongebühren erstattet.
Ich hatte mein handy auch ausgeschaltet, als es mir in einer Tütensuppendiätpause im Restaurant "Boomerang" von ein Paar Russen gestohlen wurde. Wenn Sie mal Essen gehen wollen: Restaurant Boomerang, Engelbosteler Damm in Hannover. Zähes Steak, kalter versalzener Reis, Tütensoße mit Mehlklumpen, kalter Brokkoli, halbrohe Kartoffeln auf dem Teller meiner Frau und schales Bier. Dazu halt Abenteuer, wie sie in Australien üblich sind. Als ich mit meiner Frau dort essen war, kamen einige ausländische Mitbürger herein, hielten Messer in der Hand und räumten die Taschen der anwesenden Gäste aus. Mein Tip: Restaurant Boomerang in Hannover. Ach so: die Suppen dort schmecken auch alle sehr nach Tüte und wenn Sie dort bestohlen werden, zuckt das Personal nur mit der Schulter. Ein befreundeter Sozialarbeiter wies mich darauf hin, daß diese Russen keineswegs kriminell waren. Es handele sich nur um kulturelle Unterschiedlichkeiten.
Und es drängen sich immer noch Fragen in mir auf: zum Beispiel, weshalb eigentlich niemand Nußecken mit Käse bestreut und im Ofen überbackt. Und wieso heißen die Bratwürstchen bei ALDI "Bauernglück" und nicht "Schweinetod"?
Und was wird aus der Zukunft der Tütensuppen werden? Ich für meinen Teil habe angefangen, Vorräte anzulegen: die GRÜNEN, wie immer im Besitz der Utopie, die für alle Menschen das Zwangsglück will, haben vorgeschlagen, Currywurst und anderes Fastfood höher zu besteuern. Nach diesem Modell würden Tütensuppen wahrscheinlich mit 50 € pro Teller besteuert werden. Der Waschbär-Versand, ein Hort für alle Ökofreunde, hat sein Programm in letzter Zeit durch allerlei Sex-Zubehör erweitert. Sogar ein Paar Handschellen sind dabei, handgearbeitet und ökologisch angebautem Leder und mit Metallbeschlägen, die von Handwerkern bedrohter Völker geschmiedet wurden. Es ist zu hoffen, daß das Programm bald durch eine Sadomaso-Peitsche erweitert wird. Rate liebes Tagebuch, wen ich zuerst peitschen werde.